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Sieglinde Wittwer-Thomas
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23. November 2011, Kantonsschule Wetzikon

LAUDATIO - anlässlich der Verleihung des Kulturpreises «chapeau!wetzikon» an Sieglinde Wittwer

VON VALÉRIE ARATO

Sehr geehrter Herr Gemeindepräsident
Sehr geehrte Damen und Herren
Liebe Sieglinde

Es ist mir eine grosse Freude und Ehre, Ihnen nun die Gewinnerin des diesjährigen Kulturpreises «chapeau!wetzikon», Sieglinde Wittwer und ihr Schaffen vorzustellen.

Sieglinde Wittwers Kunst zielt nicht darauf ab, uns in andere Welten zu entführen. Ganz im Gegenteil: Wenn wir ihre Werke betrachten, sind wir mitten im Alltag, im Leben. Es sind weder bequeme noch fantastische oder rein ästhetische Themen, die die Künstlerin interessieren. Im Zentrum ihres Schaffens steht der Mensch, seine Umgebung, seine Lebensbedingungen. Ob in grossformatigen Ölbildern, in überlebensgrossen Holzskulpturen oder in präzis ausgeführten Zeichnungen und Radierungen zeigt Sieglinde Wittwer nichts anderes als Realität.

In manchen ihrer Werke ist es unsere Realität, unser Alltag, in dem wir uns als Betrachter spiegeln und wiederfinden. Es sind Momente und Situationen, die wir tagtäglich erleben: wir kaufen im Supermarkt ein, warten auf den Bus, bewegen uns in den Strassen unserer Umgebung.

„Dans la rue“, in der Strasse. Dies der Titel, den die 1966 geborene Sieglinde Wittwer vielen ihrer Arbeiten und auch zweien Katalogen gegeben hat. „Dans la rue“ ist der Ort, wo Menschen sich begegnen oder sich aus dem Weg gehen, ihre Geschäfte tätigen und allzu oft notgedrungen, ohne Obdach, leben müssen. Aber es ist mehr als das: „Dans la rue“ ist eine Geisteshaltung, eine innere Einstellung zur Welt, welche Sieglinde Wittwer lebt und in ihrem künstlerischen Schaffen festhält
und reflektiert. „Dans la rue“ bedeutet auch in Bewegung zu bleiben, sich auf einen Ort mit seinen Menschen ganz und gar einzulassen und sich damit auseinander- zusetzen. Genau da liegt Sieglinde Wittwers grosse Stärke.

Sie verlässt ihr Atelier, begibt sich auf die Strasse, mischt sich unter die Leute, fühlt den Puls, beobachtet, hält flüchtige Augenblicke in Fotografien und Skizzen fest, die sie später als Grundlage für ihre künstlerischen Arbeiten verwendet. Sieglinde Wittwer schaut dorthin, wo wir nichts sehen, weil es für uns „nur“ Alltag ist und uns in unserer permanenten Eile uninteressant und unspektakulär erscheint. Und sie schaut auch dorthin, wo wir nur zu gerne wegschauen und meinen, es habe mit uns nichts zu tun.

Sehr sensibel, aber niemals beschönigend nähert sich Sieglinde Wittwer ihren Motiven. So nimmt sie bei ihren Streifzügen durch die Strassen auch diejenigen Menschen wahr, die am Rande unserer Gesellschaft leben, zum Beispiel in den Pariser Banlieues. Spätestens seit sie sich 2009 mit einem Atelierstipendium von Visarte, dem Berufsverband der Schweizer Künstler, für vier Monate in der
Cité Internationale des Arts in Paris aufhielt, lässt sie diese Stadt nicht mehr los. Doch Sieglinde Wittwer interessiert sich nicht für die luxuriösen touristischen Zentren, ihr Augenmerk richtet sich auf die peripheren Zonen, die dicht bewohnten Ränder der Stadt, wo sie die Zusammenhänge von Städtebau und Lebensqualität hautnah erleben kann.

So zeigt uns eine ganze Reihe von Werken, die in Paris entstanden sind, eine unbequeme Realität, die von unserer weit entfernt ist. Das Thema „fremd sein“ zieht sich dabei wie ein roter Faden durch Sieglinde Wittwers Schaffen. Vor allem interessiert sie sich für die Frage nach der Entwurzelung eines Menschen ebenso wie die Entschiedenheit, mit welcher er sein Anderssein zeigt. Der Immigrant, der sich als Strassenverkäufer durchschlägt, die Obdachlose, die sich in ihre Jacke gehüllt vor der Kälte zu schützen versucht, der alte Mann auf der Parkbank; sie alle bewegen sich auf dem schmalen Grat zwischen der Bewahrung ihres Stolzes und der Hoffnung, den Boden unter den Füssen nicht gänzlich zu verlieren. Sieglinde Wittwer gelingt es, genau dieses Dilemma in den Gesichtern und der Körperhaltung der Porträtierten zu vermitteln. Dabei geht es der Künstlerin nicht um das genaue Abbild der Person, sondern darum, das Innere eines Menschen zu zeigen. So entstehen viele ihrer Bilder, die sie freihändig malt, auch aus der Erinnerung. Meistens ist es ein kurzer Augenblick, ein kleiner Ausschnitt, der sie fasziniert.

Oder um es mit den Worten von Sieglinde Wittwer zu sagen: „Meine Arbeit handelt vommenschlichen Wesen. Es sind nicht die grossen Gesten, sondern vielmehr die kleinen intimen Momente im Leben meiner Protagonisten, die mich interessieren. Es sind Menschen, die nicht alleine sind und doch vielleicht in Gedanken versunken, einsam oder ratlos wirken. Der menschliche Körper ist nicht nur Hülle, sondern in seiner Haltung strahlt er sehr viel vom Innern aus. Hier offenbart sich die Zerbrechlichkeit des Lebens. Meine Bilder und Skulpturen stehen im Dialog mit diesen beiden Ebenen. Gelingt es mir, den Moment so einzufangen, dass ein Blick in
eine Lebenssituation, in ein Gewahr werden des eigenen Seins möglich wird?“

Die Erscheinung einer jungen Frau, die mit beiden Beinen fest im Leben zu stehen scheint, steht im Widerspruch zur Zerbrechlichkeit in ihrem Gesichtsausdruck. Ein solcher Bruch zum Beispiel ist es, der Sieglinde Wittwer interessiert und den sie in ihren Arbeiten darstellt. Es ist die Diskrepanz zwischen Erscheinung und Sein, die immer wieder ihre Aufmerksamkeit erregt – dabei will sie weder abschrecken oder provozieren, noch romantisieren und idealisieren. Vielmehr geht es ihr um das genaue Beobachten, man ist sogar geneigt zu sagen, um ein sachliches, nüchternes
Dokumentieren. Doch es bei einer inhaltlichen Analyse allein zu belassen, wird Sieglindes Kunst nicht gerecht, denn ihre Bilder, Skulpturen und Radierungen nehmen durch ihre Materialität, durch ihre Schönheit und ihre handwerkliche Meisterschaft vom ersten Augenblick an gefangen. Wir sind fasziniert von der Präzision und Genauigkeit, mit welcher die Künstlerin ihre Werke bin ins kleinste
Detail ausarbeitet. Dabei steht die winzige Zeichnung auf der Streichholzschachtel in ihrer Ausführung den mannshohen Skulpturen in nichts nach. In ihren Ölbildern bestechen die leuchtenden, intensiven Farben, die sich uns unmittelbar einprägen. Wir behalten sie als „schöne“ Bilder in Erinnerung, ungeachtet der Tatsache, dass auf ihnen oft eine „unschöne“, ungerechte Realität abgebildet ist. Wenn wir es ganz genau nehmen, haben wir es auch hier mit einer Diskrepanz zwischen Sein und Schein zu tun – ob das der Künstlerin wohl bewusst ist…?

Hat Sieglinde Wittwer einmal ihre Motive gefunden, bevölkern sie nach und nach die Leinwand, das Papier und werden manchmal sogar aus einem riesigen Holzblock zur Skulptur gehauen. Dabei sind Wiederholungen nicht zufällig, sondern gewollt. Immer wieder begegnen wir – quer durch alle künstlerischen Techniken, die Sieglinde Wittwer gleichwertig beherrscht und anwendet – denselben Figuren und Gesichtern, manchmal allein, manchmal in Kombination mit anderen und manchmal in gering- fügigen Variationen. Die Veränderung, die der Bildhintergrund in den vergangenen Jahren in Sieglindes Malerei erlebt hat, ist bemerkenswert: Wo sie in früheren Bildern den Hintergrund meist weiss, sprich unbearbeitet belassen hat, geht sie in ihren neuen Arbeiten immer mehr dazu über, die die Figur umliegende Umgebung zu gestalten und zu definieren: Zum Beispiel der junge Mann mit Kopfhörern, der sich an eine schmutzige Wand lehnt. Darüber das Graffiti „Paradis“. Es ist ein neuer Typus Bild, der in Sieglinde Wittwers Werk Einzug gehalten hat, in denen sie ihre Figuren in einen Kontext stellt, mit Zeichen, Architektur und Sprache anreichert und verdichtet und uns jetzt nicht mehr nur einen flüchtigen Moment zeigt, sondern Ansätze einer Geschichte erzählt, die wir in unseren Köpfen weiter denken können. Mehr denn je wirken diese Bilder wie Film- oder Theaterkulissen, was uns nicht weiter erstaunt, wenn wir wissen, dass Sieglinde Wittwer früher einmal eine Karriere als Bühnenbildnerin in Betracht gezogen hat. So kombiniert sie, wenn möglich, ihre Bilder und Skulpturen zu raumgreifenden Installationen und lässt ihre Werke
miteinander in einen Dialog treten, bei dem wir nur als Beobachter fungieren, wenn wir möchten, uns aber auch am Gespräch beteiligen können.

Wie beeinflusst die Umgebung einen Menschen? Wie wirkt Architektur und Städtebau auf die Lebensqualität ein? Auch das ist ein Thema, das Sieglinde Wittwer umtreibt und mit dem sie sich in ihrer künstlerischen Arbeit beschäftigt. Auf vielen ihrer Reisen ist sie diesen Fragen nachgegangen. Von 2005 bis 2006 hat sich Sieglinde mit ihrem Mann Walter und ihrem Sohn Antonin einen grossen Traum erfüllt: Während sechs Monaten ist die Familie Wittwer durch Teile Kanadas, der USA und Kubas gereist. An vielen Orten haben sie sich für eine Weile niedergelassen und haben das Leben der Einheimischen gelebt. Dieser und andere längere Aufenthalte im Ausland haben die Künstlerin geprägt. Die Erfahrungen, Erlebnisse, Bilder, die sie von ihren Reisen mitgebracht hat, sind in ihr Schaffen eingeflossen und haben sie sensibilisiert: Offenheit, Mitgefühl, Toleranz, Selbstverständlichkeit im Umgang mit Menschen anderer Herkunft und nicht zuletzt ihr Einsatz gegen soziale Ungerechtig- keit und Missstände zeichnen Sieglinde Wittwer als Mensch und Künstlerin gleichermassen aus.

Seit einiger Zeit beschäftigt sich Sieglinde Wittwer intensiv mit ihrem Wohn- und Arbeitsort Wetzikon. Zunehmend besorgt beobachtet sie den intensiven Um- und Neubau, der das Gesicht des einstigen Zeilendorfes verändert. „Wetzikon wird von seiner Vergangenheit abgeschnitten und es droht, ein austauschbares –zikon zu werden“, schreibt Sieglinde Wittwer in der Einleitung ihres neuesten Kataloges. Sowohl in ihren Bildern als auch in einem von ihr gestalteten und herausgegebenen Kalender für das sich neigende Jahr 2011 setzt sich die Künstlerin mit dieser sich
im Wandel befindenden Stadt auseinander. In 13 Zeichnungen in Filzstift und Gouache wirft Sieglinde Wittwer kritische Blicke auf Wetzikon. Dazu sagt sie Folgendes: „Der Kalender ist der Versuch, das Alte im Herzen zu bewahren und das Neue zu assimilieren. Wetzikon wird neu gebaut. Aber meine Sorge ist, dass über der Zonenplanung und der Bauordnung etwas fehlt, nämlich ein Konzept. Durch den Abbruch ganzer Häuserzeilen nimmt man Wetzikon die Geschichte und die Wurzeln.“ Die Künstlerin wünscht sich aber keineswegs die nostalgische Erhaltung von Wetzikon, sondern sähe gerne eine Mischung aus Alt und Neu. Doch wie sieht das Neue aus, das hier entstehen soll? Sind es Wohnungen, die eine sozial und kulturell durchmischte Wohnbevölkerung erwarten? Entstehen Orte, wo sich Jung und Alt begegnen und gerne aufhalten? Gibt es Quartiere, die vom Durchgangsverkehr verschont bleiben? Wird hier auch an einer eigenen unverwechselbaren Identität gebaut? Und lässt das Tempo der Bautätigkeit eine sorgfältige Planung
überhaupt zu?

Für Sieglinde Wittwer ist klar, dass all diese Fragen für die Lebensqualität einer Stadt entscheidend sind. Und so erfassen die Kalender-Zeichnungen in Farbe und mit wenig Strichen Wetziker Stadtszenen. Andreas Leisi, ein Journalist des Zürcher Oberländers hat im Dezember 2010 Sieglinde Wittwer besucht und sich mit ihr über den Kalender unterhalten. Dem Zeitungsartikel habe ich folgende Passage entnommen, die den Charakter der Zeichnungen treffend beschreibt:
„Das Titelbild [des Kalenders] zeigt die Scheller-Unterführung, welche die Schellerstrasse mit der Zürcherstrasse verbindet. Kein Auto und keine Menschen sind darauf zu sehen, was die abstrakte Überdimension des Millionenbaus unterstreicht, der einige wenige Eigentumshäuser und Mietwohnungen mit der Hauptstrasse verbindet. Der Eindruck eines baulichen Eingriffs, der keine
Verbindung zu seiner Umwelt herstellt, bleibt haften.“

In ihrem Kalender zeigt Sieglinder Wittwer ebenso Beispiele von für ihre Begriffe gelungener Architektur, wie das Flachdachhaus an der Spitalstrasse, das sie in seiner Schlichtheit fasziniert. Auch in den Arbeiten, in denen Sieglinde Wittwer die Stadt Wetzikon zum Gegenstand macht, scheut sie sich nicht, auf unbequeme Themen aufmerksam zu machen. Es ist keine undifferenzierte, polemische Anklage, sondern berührt uns, weil wir Sieglinde Wittwers Verbundenheit mit und ihre
Zuneigung zu diesem Ort spüren. Ihr Engagement für diese Sache ist nicht eigennützig, sondern ein aufrichtiger Beitrag, der Diskussionsgrundlage sein soll, für alle, die in Wetzikon leben und ihre Sorge über die ungewisse Stadtentwicklung teilen. Und zugleich verstehen wir den Kalender als liebevolle Hommage an diesen Ort und seine Bewohner.

Schon seit vielen Jahren hat Sieglinde Wittwer ihr Atelier in der Fabrik Schönau in Wetzikon. Nebst ihrer regen Ausstellungstätigkeit im In- und Ausland und zahllosen Projekten, an denen sie sich regelmässig beteiligt, setzt sie sich für die Kunst- vermittlung ein. Seit 2009 unterrichtet sie an der Kunstschule Wetzikon Kinder, Jugendliche und Erwachsene im Zeichnen und in weiteren künstlerischen Techniken und gibt ihr Wissen mit viel Freude an ihre Schülerinnen und Schüler weiter.
Sieglinde Wittwer hat zunächst Kunstgeschichte studiert und später die Ausbildung zur Lehrerin in bildnerischem Gestalten absolviert. Sowohl in ihrer Tätigkeit als Dozentin als auch als Künstlerin schafft sie es, den theoretischen Diskurs mit der Praxis zu verbinden und leistet nicht zuletzt in dieser Funktion einen wichtigen Beitrag zu Wetzikons Kunst- und Kulturschaffen.

In diesem Sinne möchte ich die Jury des Kulturpreises «chapeau!wetzikon» beglückwünschen, dass ihre Wahl auf Sieglinde Wittwer gefallen ist: eine eigenständige Künstlerin, die konsequent ihren Weg geht, nie kurzlebigen Trends nacheilt, sondern in Inhalt und Qualität immer aufs Neue überzeugt.

Und nun, darauf habe ich mich schon lange gefreut, möchte ich Dir, liebe Sieglinde, zu Deinem Preis gratulieren! Du öffnest uns immer wieder die Augen, für das, was da ist – für das, was wir ohne Dich nicht gesehen hätten. Du bringst uns dazu, Inne zu halten und nachzudenken über uns und über die Welt. Du setzt Dich für Deine Anliegen, die auch unsere sind, ein: für eine bessere Lebensqualität, für ein angenehmeres Zusammenleben, für menschlichere Menschen. Du bist eine inspirierende, kluge und humorvolle Gesprächspartnerin und eine gute Freundin. Und Du schenkst uns Deine wunderbare Kunst. Für all das, und ich zögere nicht, das im Namen aller hier Anwesenden zu sagen, danken wir Dir! Liebe Sieglinde, herzlichen Glückwunsch!

Meine sehr geehrten Damen und Herren, ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit und freue mich, später beim Umtrunk, mit Ihnen und mit Dir, Sieglinde, auf Dein Wohl anzustossen!


Valérie Arato (* 1978) ist Kunsthistorikerin und lebt und arbeitet in Zürich.